Wildblumen

Muntere Vagabunden

Lieben Sie den Zufall? Ein Wildgarten sieht jedes Jahr anders aus, weil die Pflanzen fast von allein und immer wieder neu durch die Beete wandern. Das schreit nach Ausprobieren!

Wenn’s an Stellen blüht, die man selbst nie bepflanzt hätte, oder wenn ausgefallene Pflanzenkombinationen für Überraschungen sorgen, haben Wildblumen im Garten Einzug gehalten. Welch fröhlich-buntes Gewusel, das sich scheinbar ganz ohne Zutun entwickelt hat! Doch nicht ganz: Die für Gärtner interessanten Wildblumen sind kein „Unkraut“ und nicht von der Sorte wie Giersch, Winde und Quecke. Zum einen pflanzen Naturgartenprofis gezielt ein- und mehrjährige heimische Blumen und Stauden, wie sie zum Beispiel in Blumenwiesen, auf Schotterflächen oder entlang eines Bachlaufes wachsen. Diese sind meist an feste Standorte gebunden und bleiben langfristig nur in Gärten, deren Boden vorbereitet wurde.

Die Natur als Gärtner

Zum anderen gibt noch viele „wilde“ Blumen mehr, die sich ebenfalls nicht zähmen lassen, unsere Gärten aber ganz unkompliziert in ein Blütenmeer verwandeln. Mit ihren ungefüllten, nektarreichen Blüten sind sie eine unerschöpfliche Nahrungsquelle für Insekten aller Art.

Über ihre Samen verbreiten sie sich von selbst und bleiben nie an Ort und Stelle. Sie bestimmen selbst, wo sie wachsen wollen, quellen aus Plattenfugen, wechseln die Beete und blühen sich in großen Schritten durch den Garten. Mit solchen Vagabunden herrscht im Wildgarten ständiger Wandel. Überraschungseffekte und natürlicher Charme lassen tipptopp gepflegte Rabatten im Vergleich dazu schnell langweilig erscheinen. Speziell beim „Blackbox-Gardening“ räumt man dem Zufallsprinzip bewusst mehr Platz ein. Man bestimmt nur eine bevorzugte Stelle für die Ansiedlung. Passt der Standort, bleibt die Pflanze ihm treu – oder zieht später an einen anderen Ort um. Reinschauen in die natürlichen Vorgänge kann man nicht, ebenso wenig wie in eine „Blackbox“ oder schwarze Kiste. Aber genau das ist das Spannende!

Zu den charmanten Herumtreibern zählen kurzlebige Stauden, die über reichlich Nachkommenschaft ihren Fortbestand sichern, sowie zweijährige Pflanzen, die nach der Blüte absterben. Viele von ihnen findet man in den Staudenabteilungen oder man besorgt sich das Saatgut. Die meisten ausdauernden Wildblumen werden im Mai und Juni ausgesät, wenn der Boden warm und feucht ist, und die Saat schnell keimt.

Ungezügelte Farbenpracht

Hm, was soll man nur nehmen? Als Erste fällt einem die Akelei (Aquilegia vulgaris) ein, die sich an sonnigen und halbschattigen Plätzen zu voller Schönheit entwickelt. Ihre hübschen Blüten ähneln ein- oder mehrfarbigen Röckchen. Ob in Violett, Rosa oder Weiß – die Wildblumen wandern in vielen Farben durch den Garten. Auch die pfirsichblättrige Glockenblume (Campanula persicifolia) in Weiß oder Blau versucht sich an den verwegensten Standorten, zwängt sich in die Spalten der Trockenmauer oder zwischen die Treppenstufen. Oft gesellt sie sich auch zu den Rosen, ein umwerfendes Duo! Für tolle Spätsommereffekte ist das Eisenkraut (Verbena bonariensis) zu haben. Die violetten Blüten scheinen auf ihren hohen Stängeln regelrecht über dem Boden zu schweben. Am besten hat man es getroffen, wenn sich die feingliedrige Pflanze jedes Jahr wieder als Kulisse in den Beeten zur Verfügung stellt. Ein eifriger Herumtreiber ist das violette Garten-Leinkraut (Linaria purpurea). Es „spaziert“ durch alle sonnigen Rabatten und erscheint mal hier, mal dort. Als ihre Weggefährtin bietet sich die Witwenblume (Scabiosa caucasica) an, deren blaue und weiße Blüten Schmetterlinge in Scharen anziehen. Oder man schickt die Knautie (Knautia macedonica) mit ins Getümmel, um ihre blutroten Knöpfchenblüten bald vielerorts aus den Pflanzungen spitzen zu sehen. Nachtschwärmer sollen ebenfalls eine Überraschung erhalten: Die Nachtkerzen (Oenothera odorata) öffnen ihre duftenden Blüten genau dann, wenn die Nachtfalter munter werden. Gerne wurzeln sie auf kargen Wegflächen oder kiesigem Untergrund. Natürlich gibt es noch viele charmante Vagabunden mehr: Auch Vergissmeinnicht, Stockrosen, Feldrittersporn, Mondviolen, Mutterkraut und Vexiernelken mischen sich begeistert unter die unstete Schar.

Wildwuchs eindämmen

Wenn man seinen Wildblumen bei ihrem Verwandlungsspiel begeistert zusieht, sollte man es sie bei aller Schönheit nicht zu dicht und zu bunt treiben lassen. Einige Art würde die anderen schnell überwuchern. Im dichten Filz vergehen einige Blumen komplett. Indem man sanft gegensteuert, erhält man das vielfältige Gartenbild und kann auch auf die Optik Einfluss nehmen. Zum Beispiel muss man nicht an allen Stellen Wildwuchs zulassen. Hohe Pflanzen werden entfernt, die niedrige unter sich begraben oder ihnen die Sonne nehmen. Manchmal drängen sich mehrere Sämlinge an einem Fleck, warum man sie rasch vereinzelt. Mit etwas Geschick schafft man durch Ausdünnen interessante Farbübergänge und kann eine gut entwickelte Pflanze betonen. Das macht wenig Arbeit, weshalb Wildgärten als recht pflegeleicht gelten.

Wildgärten wirken besonders schön, wenn immer wieder ruhende Akzente das Blumengewusel unterbrechen, die ihnen einen optisch Halt geben. Das können Formschnittgehölze wie Buchs und Liguster sein oder auffällige Ziergräser wie Chinaschilf (Miscanthus)

oder Blutgras (Imperata cylindrica). Auch sauber gemähte Rasenflächen, ein runder Platz aus Kies, Mäuerchen oder Skulpturen bringen Ordnung ins Geschehen. Mit der Ordnung sollte man es aber nicht übertreiben. Igel, Spitzmäuse, Vögel, Käfer und Insekten schätzen die vielen Unterschlupfmöglichkeiten und die Nahrung, die ein üppiger Wildgarten bietet.

Natur im Kasten

Das Leben in Töpfen, Schalen und Blumenkästen stellt viele Pflanzen und Topfgärtner auf die Probe: Schwankende Temperatur, Wassermangel und beengter Wurzelraum sind heikle Faktoren. Doch die Natur hält Pflanzen parat, die in Felsspalten siedeln, mit Wegstreifen vorliebnehmen und den Wechsel zwischen Kälte und Hitze aushalten. Hier eine Auswahl hübscher und robuster Blüten, Halmen und Blättern: Verschiedene Nelken wie die Grasnelke (Armeria maritima) oder die Heide-Nelke (Dianthus deltoides) halten Trockenheit aus. Auch die Rundblättrige Glockenblume (Campanula rotundifolia) eignet sich für Gefäße. Polster-Schleierkraut (Gypsophila repens), Sonnenröschen (Helianthemum spec.), Staudenlein (Linum perenne) und Ysop (Hyssopus officinalis) ergeben einen zauberhaften Blütenschmuck. Schnittlauch (Allium schoenoprasum) ist ebenfalls ein Topfkandidat.

Aromatische Hingucker

Wer glaubt, Gewürzpflanzen gehören nur in den Kräutergarten, hat noch nie die dekorative Seite mancher Arten entdeckt. Mit ihren hübschen Blüten oder dem attraktiven Laub mischen sie sich gern unter die vielfältige Schar, die einen richtig wilden Garten ausmacht. Reich an Samen, verbreiten sie sich von allein im Garten:

  • Tolle Akzente setzt der duftig-fedrige Fenchel (Foeniculum vulgare), vor allem der Bronze-Fenchel ‚Rubrum‘.
    Bronzefenchel ‚Rubrum‘

    Er kann mannshoch werden – und spendet aromatische Blattspitzen für die Küche. Außerdem freuen sich Schwalbenschwanz-Schmetterlinge über die wichtige Futterpflanze: Das ist Naturschutz in seiner schönsten Form!

  • Schnittlauch (Allium schoenoprasum) und Bärlauch (A. ursinum) blühen rosa oder weiß, wo man sie lässt. Und ihre Blätter wissen alle Gourmets sowieso für sich zu nutzen.
  • Boretsch (Borago officinalis) bedient sich gerne üppig an den Beeten, weshalb man seinen Ausbreitungsdrang ein wenig zügeln sollte. Seine blitzblauen Blüten sind aber allzu schön, um ihn gänzlich zu verbannen, und seine Blätter passen einfach zu gut in den Gurkensud.
  • Auch Gänseblümchen, Gemeiner Schafgarbe, Knoblauchsrauke, Veilchen, Ringelblume und Wiesenflockenblume geben Vagabunden-Gärtner je ein Plätzchen und verwenden die Blüten vielseitig.
  • Blühender Dill vor Zitronenmelisse

 

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