Grüße aus der Urzeit

Schachtelhalm gibt es schon so lange, dass einem beim Nachrechnen auch mal schwindelig wird. Heute begeistert die Pflanze Freunde modernen Designs und Biogärtner gleichermaßen.

Equisetum hyemale- Echter Schachtelhalm

Wer das Gerade und Geometrische liebt, für den ist Schachtelhalm wie geschaffen. Mustergültig schieben sich die grün-weiß-schwarz geringelten Triebe aus dem Boden, bügeln dabei jeden Knick sofort aus und leben fortan in der Parallele.

Die stattlichen Halme des Winterschachtelhalms (Equisetum hyemale) zieren immer mehr Beete, Kübel und Teichränder. Mit seinem bizarren Auftritt fasziniert er nicht nur die Mustergärtner, sondern auch solche, die das Urige schätzen. Denn mit ihm holt man sich eine Pflanze in den Garten, die es schon zu Beginn der Karbonzeit, also vor 350 Mio. Jahren gab. Damals beherrschten Schachtelhalme als baumgroße Riesen die Sumpfwälder der Erde, erste Amphibien krochen zu dieser Zeit ans Festland. Als Relikt hat sich nur eine Gattung der Urgewächse bis in unsere Zeit gerettet – darunter der hübsche Winterschachtelhalm, aber auch der von Gärtnern misstrauisch beäugte Ackerschachtelhalm (E. arvense). Dessen Triebe schmuggeln sich mit Vorliebe zwischen Thymian und Lavendel, dringen durch jede Ritze – und lassen sich durchs Jäten ebenso wenig beeindrucken wie durch einen Dinosaurier-Tritt.

Bereits die Kelten hatten eine Vorliebe für den größten im Bunde, den Winterschachtelhalm. Mit seinen Trieben gravierten sie haarstrichfeine, geometrische Muster in ihre Tongefäße, die bis heute erhalten sind. Heutzutage ist das oft brusthohe Gewächs in Mitteleuropa selten geworden. Durch seine Vorliebe für feuchte Wälder und milde Temperaturen beschränkt es sich fast nur noch auf das Rheingebiet. Sonst tummelt es sich in Asien, mit einem Abstecher nach Japan, weshalb diese Art auch als Japanischer Schachtelhalm in den Gärtnereien gelistet ist. Die aparte Schönheit zieht vor allem im Winter die Blicke auf sich, wenn der Raureif die straffen, bleichen Schosse wie Wunderkerzen zum Funkeln bringt. Drückt der Schnee den Schachtelhalm nieder, richtet er sich teils wieder auf, teils sorgen die geknickten Halme bis auf weiteres für dekorativen Zickzack.

Zeitig im Jahr hebt sich das weiß-schwarz geringelte Hellgrün der Halme vom frühjahrsmüden Garten ab und macht Lust auf das, was da bald kommt. Im Sommer dann geht das erfrischend andersartige Ringelspiel weiter, setzt kühl-klare Akzente und damit einen Kontrast zum bunten Gewusel.

Ähnlich wie beim Bambus sind die Triebe des Schachtelhalms mit Knoten unterteilt, die Röhren dazwischen hohl. Keineswegs sind die Glieder ineinander geschachtelt, wie der Name vermuten ließe. Die alte Bezeichnung „Schafthalm“ bezieht sich eher auf das Aussehen der unverzweigten Sprosse: Die schuppenartigen Blätter sind in Quirlen angeordnet und zu einer den Knoten umgebenden Hülle verwachsen. Wie ein Farn bildet das lebende Fossil keine Blüten mit Samen aus. Vielmehr wachsen bis zum Juli zapfenähnliche Gebilde am Sprossende heran, die staubfeine Sporen freisetzen. Während sich die unfruchtbaren Sprosse des weithin bekannten Ackerschachtelhalms wie kleine Tannenbäume verzweigen, bleibt der Winterschachtelhalm auch nach der Fortpflanzung seiner schlanken Linie treu. Triebe, die ab August aus dem Boden schieben, sehen ebenfalls aus wie nackte Halme, besitzen aber eine einfache Spitze und bleiben steril.

Wen einmal das Schachtelhalmfieber ergriffen hat, der wird noch weitere hübsche Vertreter in den Gärtnereien finden.

Da gibt es noch den ebenfalls wintergrünen Riesen-Sumpfschachtelhalm (E. hyemale var. robustum) aus Nordamerika, der in seiner Heimat drei Meter hochwächst, es in unseren Gärten aber „nur“ auf zwei Meter Höhe bringt. Auch der gut mannshohe Riesenschachtelhalm (E. telmateia) wird da und dort angeboten. Ihn kann man hierzulande auch bei einem Spaziergang in den Auwäldern entdecken.

Selbst in kleinere Blumentöpfe passt die Mini-Ausgabe der mächtigen Urpflanzen: Der Zwergschachtelhalm (Equisetum scirpoides) bleibt klein und entfaltet hübsche kleine Wedel. Sie bringen gerne wuselige Unordnung in die akkurate Welt des Winterschachtelhalms. Von seinem geraden Weg wird sich die Urpflanze dadurch nicht abbringen lassen.

Es heißt auch Zinnkraut

Die stabilen Stängel des Winterschachtelhalms verwendete man einst nicht nur in der Medizin, sondern auch zum Polieren von Metallgegenständen wie Töpfe und Zinngeschirr, Badewannen und Holztische. Die feinen Kieselkörnchen in der Stängelhaut scheuern die Oberflächen blank. Leicht geht’s, wenn man ein Bündel des „Zinnkrauts“ zum Knäuel wickelt und mit Bindfaden festigt. Viele Floristen finden die Halme nur für den praktischen Zweck viel zu schade. Sie drapieren sie in der Vase, rücken sie in den Mittelpunkt von Gestecken oder flechten Stützhilfen daraus, die anderen Blumen Halt geben.

Mit der Kraft der Kieselsäure

Besonders die Außenhaut der Sommer-Triebe von Schachtelhalmen ist mit Kieselsäure wie imprägniert. Dieser Grundstoff für Quarze und verschiedene Sande steckt nicht nur in den Wedeln des Ackerschachtelhalmes, sondern in noch höherem Maße in den grünen Teilen des Winterschachtelhalms (mindestens 12 Prozent). Dieser und noch viele andere Inhaltsstoffe wie Schleim-, Gerb- und Bitterstoffe machen das stattliche Gewächs zur wichtigen Heilpflanze, die etwa bei Asthma und anderen Atemwegserkrankungen, Bindegewebsschwäche und Rheuma in der Naturheilkunde zum Einsatz kommt.

Auch Pflanzen profitieren von der stärkenden Wirkung der Schachtelhalme. Bio-gärtner kochen deshalb gerne eine Schachtelhalmbrühe: Dazu weicht man ein Kilo frische Sommer-Triebe in 10 Liter Wasser 24 Stunden lang ein; danach das Ganze 30 Minuten lang leise kochen, abkühlen lassen und durchsieben.

Stille Halme wurzeln tief

  • So beeindruckend die Triebe der großen Schachtelhalme sind, so imposant ist ihr Ausbreitungsdrang. Damit die Pflanze nicht überhandnimmt, baut man am besten eine Wurzelsperre ein.
  • Vor allem in kleinen Gärten pflanzt man sie in eine in die Erde gesenkte Kunststofftonne ohne Boden; oder in einen Betonring, der mindestens 60 Zentimeter in die Tiefe reicht. Allein Zwerg-schachtelhalm wuchert nicht und braucht keine so straffen Zügel.
  • Wunderschön steht Schachtelhalm am Teichrand, aber nicht direkt im Wasser. Dort sorgt er zusammen mit Farnen, Rodgersien, Funkien und Etagenprimeln für eine naturnahe, fast urzeitliche Atmosphäre. Schachtelhalm wächst zu dichten Büschen heran. Im dichten Röhricht können sich Teichtiere gut verstecken.
  • Schachtelhalm wächst sowohl in der Sonne als auch im Halbschatten. Wichtig ist, dass der Standort vor Wintersonne geschützt ist. In rauen Gegenden umgibt man die Pflanzen im Herbst mit einem Mantel aus Laub. Sollte das Urgewächs doch einmal zurückfrieren, schlägt es wieder zuverlässig aus dem Wurzelstock aus.

MP-3-17